© Anke Schulz

Lurup und Eidelstedt unter der NS - Herrschaft

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten

Manche Änderungen kamen ganz unspektakulär auf bürokratischem Wege und hätten vermutlich auch stattgefunden, wenn es nicht zur Machtübernahme durch ein faschistisches Terrorregime gekommen wäre. Für die nordwestlichen Landgemeinden wie Stellingen und Eidelstedt wurde 1934 infolge der Notstandsarbeiten und der Arbeiten des "freiwilligen Arbeitsdienstes", in deren Verlauf das Sielsystem ausgebaut worden war, die Sielabgabengebühr empfindlich erhöht, auch dadurch wurde für die Siedler, von denen viele die Kredite für ihre Siedlerstellen zurückzahlen mussten, der Überlebenskampf härter. Die Siedler werteten in den meisten Fällen den Sielanschluss nicht als eine Wertsteigerung. Für die Selbstversorgung durch die Erträge aus dem eigenen Garten waren die Senkgruben eine kostenlose Möglichkeit der Düngung. Bittgesuche aus dem Jahr 1935 an die Regierung in Schleswig, einer weiteren Verschuldung der Haushalte entgegenzuwirken und nicht für die Düngung der überlebenswichtigen Gemüse- und Obstgärten notwendigen Senkgruben zu nehmen, konnten den Anstieg der Grundvermögenssteuer, die "mehr als verdoppelt worden" sei, nicht aufhalten. In Lurup waren bis 1930 keine Straßenbaukosten von den Siedlern eingefordert worden, bis 1934 waren die Gebühren eher moderat gewesen. Für viele Arbeiter, kleine Gewerbetreibende und so manchen Handwerksmeister des Mittelstandes bedeutete das Überschuldung und damit Verlust des Grundstücks.
Manche Kleingartenbesitzer, die keine weitere Wohnung mehr hatten und als ‚Dauerwohner' in der Weimarer Republik stillschweigend geduldet worden waren, mussten nach 1933 härtere Vorgehensweisen der Baupolizei erfahren. Neue Siedlungen wurden konsequent unterbunden, während es andererseits auch dazu kam, dass bereits bestehende wie einige in Horn-Billbrook zum "Wohnbezirk" erklärt wurden, in dem das Dauerwohnen gestattet wurde. Vereinsmitglieder, die sich bei den neuen Machthabern einschmeicheln wollten, nutzten die Gelegenheit der Denunziation vor allem politisch missliebiger "Dauerwohner" bei den Behörden. Noch 1932 kam es zu einer Nationalsozialistischen Bürgerschaftsanfrage über den Verbleib der von Zwangsräumung bedrohten Siedler und die Bereitstellung ausreichenden Wohnraumes. Rückblickend erscheint das als nichts anderes denn als Wahlpropaganda. Weitaus restriktiver als in der Weimarer Zeit war der Umgang der nationalsozialistischen Behörden mit den Dauerwohnern. In einer Besprechung vom August 1942 sprach sich Bürgermeister Krogmann grundsätzlich auch in Kriegszeiten gegen eine Erlaubnis des Dauerwohnens in Laubenkolonien aus, nur bei Kriegsgeschädigten könne man vorübergehend eine Ausnahme machen. Vor allem die Ärmsten der Armen, die »Asozialen« aus den Fischkistensiedlungen waren es, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als Erste Opfer von Schikane und Behördenwillkür wurden.

Unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 wurde dem Grundbesitzer Salomon Bondy, Sohn einer angesehenen jüdischen Familie aus Altona, das Verfügungsrecht auf seine Ländereien in der Eckhoffstraße (vermutlich gehört dieses Gebiet heute zum Firmengelände der Norddeutschen Schleifmittelwerke) abgesprochen mit der Begründung, dieses Gelände werde für die Verpachtung als Kleingartengelände benötigt. Salomon Bondy ist kurz darauf verstorben. Die Akten sind im Staatsarchiv einsehbar.

Zwangsarbeiterlager und Außenlager des KZ Neuengamme

Lurup, Bahrenfeld, Eidelstedt und Stellingen bestanden in den 1930er Jahren in weiten Teilen aus unbebautem, freiem Gelände, die Wohnungsdichte war relativ gering. Dieses ließ den Raum aus Sicht der Nationalsozialisten besonders geeignet erscheinen für die Errichtung von Zwangsarbeiterlagern und ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Im Friedrichhulder Weg wurden zeitweilig zwei Lager betrieben, ein Lager für Polinnen und Russinnen, die zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren, und das Lager zeitweilig verlassen durften, und das durch Wachtürme kontrolliertes KZ, in dem Jüdinnen u.a. für Bauarbeiten in der Umgebung eingesetzt wurden, z.B. für die Errichtung von Plattenbauten im Kleiberweg. Die Überlebende Hedi Fried hat in ihrem Buch ‚Nachschlag für eine Gestorbene - ein Leben bis Ausschwitz und ein Leben danach' ihre Erinnerungen an dieses KZ sehr anschaulich geschildert, sie war u.a. 1944 Zeugin der Ermordung eines Neugeborenen:
"Als Veras Wehen einsetzten, hatte Gizi den Befehl erhalten, sie zu den leeren Baracken zu bringen. Schara kam und war Augenzeuge der Geburt. Dann zwang er (der Lagerkommandand, A.S.) Gizi, das Kind zu ertränken. Nun saß sie da, ungläubig, daß sie in der Lage gewesen war, eine solch unmenschliche Tat zu begehen. Ich wußte, ich mußte sie beruhigen und ihr zu verstehen geben, daß nicht sie es war, die das Kind ermordet hatte, sondern Schara." (Hedi Fried, Nachschlag für eine Gestorbene, S. 141

Zwangsarbeiter beschäftigten auch Eidelstedter Landwirte (zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft siehe auch den Artikel von Wolf Müller über ausländische Zivil- und Zwangsarbeiter in der Sülldorfer Landwirtschaft zwischen 1939 und 1945). Von Landwirten in Lurup und Osdorf kann es ebenfalls vermutet werden. Laut Akten des Staatsarchivs über Barackenbauten waren Zwangsarbeiterbaracken auch für das Gebiet des heutigen Eckhoffplatzes, damals vermutlich vom Landwirt Eckhoff landwirtschaftlich genutztes Gelände, beantragt worden. Ein Lager mit 54 Kriegsgefangenen bestand auf den Ländereien des Eidelstedter Bezirksbauernführer Heinrich Langeloh und des Eidelstedter Landwirts Hermann Hoff. Der durch Soldaten bewachte Steinbau war 120 qm groß. Es war ein Lager mit eigener Küche und nachweislich 61 Essensteilnehmern. Quelle: Friederike Littman www.zwangsarbeit-in-hamburg.de (siehe Eidelstedt, Kieler Straße 650 und Halstenbeker Straße). Vor allem in den Kiesgruben, die ja auch viele Landwirte in Lurup, Osdorf und Flottbek auf ihren Ländereien unterhielten, wurden Zwangsarbeiter eingesetzt, darunter auch viele Sinti und Roma.

Übergriffe auf Siedlergemeinschaften

Schärfer noch als in der Weimarer Republik war unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die Bevölkerung des Ortes hierarchisch strukturiert, auf der untersten Stufe der Hierarchie standen die Sinti und Roma, manche von ihnen seit Generationen in Lurup ansässig, und die während des Krieges in diese Region verschleppten Italiener, Franzosen, die meisten von ihnen Militärinternierte, die Russinnen und Polinnen in den Lagern, die Jüdinnen in dem KZ am Friedrichshulder Weg. Auch die politisch Andersdenkenden standen in der Hierarchie ganz unten. Die Nazis hatten gezielt den Zuzug von Nationalsozialisten in das rote Lurup gefördert, und die vielen Arbeiter, die der Arbeiterbewegung auch unter dem Faschismus nicht abschworen, wurden Opfer von gewaltsamen Übergriffen. Manche reagierten darauf mit einer Übernahme der Sichtweise ihrer Aggressoren. Teilweise gingen die politischen Spaltungen bis hinein in die Familien, es gab Familien, in denen der Vater Kommunist, die Tochter Nationalsozialistin war, oder Ehen, in denen die Frau Kommunistin blieb, der Mann aktiver Nationalsozialist wurde. Die faschistische Diktatur gab den Individuen zahlreiche Mittel in die Hand, missliebig gewordene Nachbarn, Freunde oder Verwandte los zu werden. Entsprechend häufig wurde vom Mittel des Verrats Gebrauch gemacht.
Der Übergang war fließend, und die Repressionen wirkten subtil, waren nicht immer nur spektakulär. Eine damals in Lurup lebende Zeitzeugin versucht eine Begründung dafür zu finden, warum sie, obwohl Sozialdemokratin, beim BDM mitmachte:
"Wir waren in der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend), gingen auf Wanderungen, auf Fahrten mit den Naturfreunden. Das war auch nach 1933 bekannt. Vor allem mein Mann war verdächtig. Ein B. in Lurup im Kleingartenverein war ein Nazi, der kam sonntags und wollte unser Restessen, das sollte eingesammelt werden als Spende für das Winterhilfswerk der Nationalsozialisten. Dem hatte ich gesagt »das was übrig ist essen wir morgen« und dann die Tür zugemacht. Daraufhin hat er das gemeldet. Eine Bekannte kam und riet, zum BDM zum Handarbeiten zu gehen, das hab ich dann getan, weil ich Angst hatte, dass sie sonst meinen Mann verhaften würden."
Waren die Ängste dieser Frau begründet? Viele aktive Linke, Sozialdemokraten wie Kommunisten, wurden schikaniert und verhaftet. Ein noch heute in Lurup lebender Zeitzeuge erzählt, dass sein Bruder wegen Plakatierungen für die Sozialdemokraten verhaftet wurde: "eines Tages wurde er abgeholt und dann nach Glückstadt ins Gefängnis, wurde da geschlagen"
Unter diesen Bedingungen, unter dem systematischen Schüren von Angst vor Gewalt und Ausgrenzung, kam es zu vielen Überläufen. Möglicherweise aber waren es auch latente rassistische, antisemitische und Gewalt verherrlichende Überzeugungen gewesen, die viele Sozialdemokraten und Kommunisten mit den Nationalsozialisten teilten und sie anfällig machten, sich in die Diktatur einzureihen, eine Anfälligkeit für einfache, simplifizierende Parolen, für Verschwörungstheorien, für Schuldzuweisungen an sozial Benachteiligte, an »Zigeuner« und Juden. Die Arbeiter waren vor Chauvinismus und Elitedünkel nicht gefeit, und die Arbeiterbewegung scheiterte auch an ihren eigenen inneren Widersprüchen. Die Entsolidarisierung der Arbeiterbewegung führte bei vielen zur Vereinzelung und Isolierung. Für viele mag das "Erlebnisangebot" des Nationalsozialismus sehr verlockend gewesen sein, und noch heute schwärmen einige von den schönen Stunden beim BDM oder der HJ. Nicht alle Parteimitglieder der N.S.D.A.P. zeigten sich als fanatische Nationalsozialisten. Für viele Kleingewerbetreibende, darunter viele der zahlreichen kleinen Krämer und Tante-Emma-Läden in Lurup, die sich ökonomische Vorteile erhofften, schien Opportunismus zunächst die Existenz zu sichern, und viele von ihnen traten in die Partei ein.
"Mit einem Mal sind viele Mitläufer gewesen. Sozialdemokraten, bei denen man nie damit gerechnet hatte, waren mit einem Mal Nationalsozialisten geworden, hatten eine Naziuniform."
Es bekannten sich also nicht nur viele Bauern und Handwerksmeister zu dem Nationalsozialismus, viele ehemalige Sozialdemokraten und Kommunisten wechselten das Lager. Für diejenigen, die es ihnen nicht nachtun wollten, eine zusätzliche Gefahr, denn die Genossen von einst hatten intime Kenntnisse über die Lebensgewohnheiten ihrer Gegner.
"Es ist ja so, dass Kommunisten auf einmal Nazis waren von heut auf morgen, die waren gestern noch Kommunisten, aber am anderen Tag waren sie in Uniform. Mein Mann wurde auf dem Weg von der Arbeit nach Hause von solchen Leuten belästigt, die hatten auf meinen Mann gewartet, die wussten genau, wo der lang kommen würde, das waren nicht Leute aus der Stadt, es waren Leute von hier. Das waren alte Genossen gewesen, das waren keine fremden Leute, die wussten, das sind Sozialdemokraten und die sind noch nicht übergelaufen, also waren sie von heut auf morgen Feinde."
Im Lüttkamp befand sich ein SA-Heim, von dem aus die Nazis aktiv gegen politisch Andersdenkende vorgingen. Für die Übertritte warben die Nationalsozialisten gezielt, teils durch Überredungen, teils durch Androhung von Schlägen, so jedenfalls stellt es ein alter Luruper Zeitzeuge dar:
"Dann waren wir bei Röpke zur Wahl, 1933, und da saßen die, die Herren K. und F. und wir kannten die doch alle und die kannten uns ja auch, und da hat der eine gesagt, das war S. von dem Bauern E., das waren große Nazis, S. hat versucht, uns zu provozieren, aber wir haben Glück gehabt, uns haben sie nichts getan. Aber sie haben Hunderte anderer bei Röpke zusammengeschlagen. Im Lüttkamp war ja das SA-Heim und dann kamen da welche raus und riefen uns zu, wir sollten endlich mitmachen, und ich hab dann immer versucht, mich rauszureden oder abzuhauen."
Verrat und Missgunst schufen eine miese Atmosphäre. Neben den gezielten Anwerbeversuchen kam es zu systematischer Einschüchterung. Die Nationalsozialisten versuchten die Arbeitersiedlungen zu kontrollieren, vielleicht, um jede Form der Solidarität, die bewaffnete Aufstände ermöglicht hätte, im Keim zu ersticken.
An der Damaschkestraße (heute Farnhornweg) war "ein großer Wald mit großen Bäumen, Tannen, bis in den Himmel ragend. Auf der anderen Seite war auch ein Wald, aber mehr Mischwald, ein kleiner Wald. Damals fuhr die Bahn noch hier vom Volkspark. Wenn die Leute gekommen sind von der Bahn, mussten die durch den Wald. Die sind denn von den Nazis nach 33 da alle gefilzt worden in dem Wald, ob sie Waffen haben."
Die Nationalsozialisten kontrollierten ihre politischen Gegner daraufhin, ob sie sich politisch betätigten. Beispielsweise, ob politische Plakate geklebt wurden, ob Kreidezeichnungen angefertigt wurden zugunsten der KPD oder der SPD, aber auch, ob sie öffentlich nicht genehme verbale Äußerungen von sich gaben, so schildern es übereinstimmend unterschiedliche Luruper Zeitzeugen:
"Wie ich Lehrling in der Schlachterei war, kam eines Tages so ein 17jähriger SA-Mann, Pistole an der Seite, und wollte uns kontrollieren, wir hatten gerade Feierabend gemacht, der Geselle und ich, und wollten nach Hause, aber ein Auto voller SA-Leute fuhr auf den Hof und die dann auf uns zu gleich mit einem Verdacht, was habt ihr da gemacht, wollten sie wissen, habt ihr geklebt oder was."
"Nach 33, da haben sie sich denn die Leute nachts raus geholt und auch am Tage und haben die entsetzlich vertrümmt. Das hab ich selbst als Kind gesehen, haben sie den Kopf der Leute unter die Pumpe den Kopf immer mit Wasser vollgepumpt. Hier an der Ecke zur Siedlung Elbkamp haben sie einen Mann bei Nacht und Nebel rausgeholt und totgeschlagen. Bei uns wohnte eine Frau N., die wurde weggeholt. Sie soll Frauen geholfen haben, dass sie keine Kinder bekamen, also bei Abtreibungen. Die haben sie so vom Wäscheplatz abgeholt, die durfte sich nicht umziehen, die musste so wie sie war mitkommen, wurde auf einen Wagen geladen und kam dann nach Lübeck ins KZ. Daraufhin sind meine Eltern wieder in die Stadt gezogen."
Über Lurup hinaus bekannt geworden ist das Todesurteil der Nationalsozialisten gegen Willi Hagen, der gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern Ulla und Annegret in der Luruper Hauptstraße 56 gewohnt hatte, nahe der heutigen Busstation Tannenberg. Heute befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Spielplatz nahe des Klintweges ein Gedenkstein, der an diesen jungen Mann erinnert. Er war Straßenbahnfahrer mit Ausbilderlizenz von Beruf gewesen und hatte ein Gedicht gegen Hitler verfasst. Für dieses Gedicht wurde er verhaftet und nach einjähriger Gestapohaft in Fuhlsbüttel von Nationalsozialisten ermordet.
Der Versuch, die Arbeitersiedlungen durch gezielte Anwerbung und Schikane unter Kontrolle zu bringen, zeigt sich eindinglich in der Politik, die die nationalsozialistischen Machthaber gegen die Siedlung Elbkamp anwendeten. Nach 1933 wurde zunächst dem überwiegenden Teil der Siedler im Elbkamp und in der Damaschkestraße (heute Farnhornweg) die Kündigung ausgesprochen. Es wurden aber auch von den jungen Männern des freiwilligen Arbeitsdienstes ab 1933 in der Damaschkestraße (heute Farnhornweg) Sanierungsarbeiten vorgenommen. Nachdem es zu einer Begehung der Siedlung durch nationalsozialistische Behördenvertreter kommen konnte, wurde die Kündigung wieder zurückgenommen. Der Deutsche Siedlerbund Gaugruppe Hamburg Nordmark organisierte einen "Beschwerde-Ausschuss", dem auch höhere Vereinsmitglieder der Siedlung Elbkamp angehören mussten. Dieser Ausschuss war für die gezielte Kontrolle und politische Überwachung der Siedler verantwortlich. Den Siedlern wurde mit zahlreichen Unterstellungen das Leben schwer gemacht. Es kam zu zahlreichen Übergriffen der Nazis auf die Familien, unter anderem zu Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, bei denen die Familienväter im Beisein ihrer Familien zusammengeschlagen wurden. Mit diesen Maßnahmen bezweckten die Machthaber die schrittweise Übernahme der Siedlung, mit Erfolg, denn die Siedler fügten sich, wenn auch unwillig, dem Zwang, so jedenfalls wird es in der Jubiläumsschrift der Siedlung Elbkamp 1981 dargestellt:
"Im Frühjahr des Jahres 1937 wurde die Vereinigung ultimativ aufgefordert, dass mindestens 12 Siedler in die NSDAP eintreten müssen. Der gesamte Vorstand hat sich dann, wenn auch schweren Herzens, dazu entschlossen, in die Partei einzutreten. Die Siedlervereinigung konnte seitens der Siedler nur noch mit äußerster Vorsicht agieren."
Auch in anderen Siedlungen, vor allem in den Kleingartensiedlungen und den »wilden Siedlungen« wurden die Siedler schikaniert. Ein Bericht eines Zeitzeugen über eine Kleingartenkolonie in der jetzigen Nansenstraße zeigt deutlich die Strategie der Nazis, die linke Bevölkerung einzuschüchtern.
"Um vor den Angriffen der Nazis sicher zu sein, hatten sich die Siedler eine Art Selbstschutz gebaut: An markanten Punkten der Kolonien wurden Eisenschienen aufgehängt, die bei Gefahr angeschlagen wurden. Da vor 1933 öfter gewählt wurde, wussten die Nazis genau Bescheid, wo die linksorientierten Bürger wohnten (Wahllokale). Bis zum 30. Januar 1933 konnten sich die Bewohner der Kolonien einigermaßen vor Übergriffen durch die Nazis schützen, aber schon einige Tage nach der Machtergreifung überfiel die SA die Siedler. Mit Unterstützung der Hilfspolizei (SA-Männer mit einer Armbinde »Hilfspolizei«) wurden die Kolonien abgesperrt. Bei Nacht wurden die Bewohner ins Freie getrieben, es wurden Sachen herausgeworfen, Wände aufgerissen und einige Heime einfach angezündet."
Alte Prozessakten belegen zahlreiche Übergriffe auf die Siedler, darunter schwerste Misshandlungen, einige mit Todesfolge.
"Im Juli 1933 wurde mein Mann, Wilhelm Meyer, von C. und J. mit vorgehaltener Pistole gezwungen, unsere Laube zu verlassen, worauf er dann nach R. geschleppt wurde. Auf dem Wege dorthin und bei R. selbst wurde mein Mann schwer mißhandelt. Danach wurde ihm befohlen, bei eventueller Nachfrage auszusagen, er sei angefallen worden. Anschließend wurde mein Mann dann unter fortwährenden Drohungen fortgejagt. In meiner Angst um meinen Mann lief ich zur Luruper Polizeiwache, um Schutz zu holen. Der Hauptwachmeister L., jetzt Polizeileutnant, war zur Zeit bei R., wie mir seine Frau persönlich erklärte. Auf dem Rückweg nach Hause fand ich meinen Mann blutüberströmt im Kornfeld von R.. An den Folgen der Mißhandlungen siechte mein Mann dahin, bis er 1937 verstarb."
Trotz dieser Übergriffe ließen sich viele nicht einschüchtern. Trotz des Verbotes, BBC oder Freies Deutschland zu hören, wurde von vielen das Recht auf freie Information in Anspruch genommen.
"Radio hat jeder für sich gehört, informiert waren wir alle, die alten Sozialdemokraten wussten alle Bescheid, auch Flugblätter wurden verteilt."
In einigen Enklaven blieben Werte der Arbeiterbewegung wie Solidarität, Gemeinschaftshilfe und Kameradschaft auch nach der Machtübernahme bestehen und konnten in die Nachkriegszeit hinübergerettet werden.
Die Menschen in Lurup, die Subsistenzwirtschaft betrieben, mussten schon aus existentiellen Gründen in Opposition zu den Behörden treten. Viele schlachteten im Krieg schwarz, ohne behördliche Genehmigung, obwohl Lebensmittel rationiert worden waren. Viele mühselig erworbene Güter wurden in den Kriegsjahren interessant für das Militär. So hatte der Bruder von Walter Reimann ein Motorrad, das in den letzten Kriegsjahr als kriegswichtiges Material noch eingezogen wurde. Wer seine Güter schützen wollte, musste sie verstecken und lief Gefahr, erwischt zu werden.
Einige Männer trafen sich in einer Gastwirtschaft in der Jevenstedterstraße, um gemeinsam ‚Feindsender', also BBC oder das deutschsprachige Radio des Senders Freies Deutschland, der von der Sowjetunion aus von emigrierten Kommunisten betrieben wurde, zu hören. Der damalige Besitzer der Gastwirtschaft wurde, von der eigenen Tochter verraten, von der Gestapo verhaftet und kam ins KZ. Trotz Folter verriet er seine Freunde nicht. Auf das Hören verbotener Radio-Sender standen ab 1941 scharfe Strafen bis hin zur Todesstrafe, nachdem ein Hamburger Arbeiter in einem Musterprozess zum Tode verurteilt worden war. Auch mein Großvater Ernst Riemenschneider hörte heimlich »Feindsender«, wie viele damals mit einem selbstgebastelten Radiogerät.

Schulzeit in Lurup unter dem Nationalsozialismus

Aus einer Akte über den Schulneubau der Schule Luruper Hauptstraße 1935:
"In beiden Schulen Osdorf und Lurup sind die Raumverhältnisse trotz baulicher Erweiterungen völlig unzulänglich. Dabei ist die Siedlungstätigkeit in diesem Raum noch längst nicht abgeschlossen, sie werden vielmehr in der nächsten Zeit mit allen Kräften weitergeführt werden.
1.) In Lurup fehlt schon jetzt ein Klassenraum. Lehrmittel-, Handarbeits-, Werkraum sind nicht vorhanden. Ein Lehrerzimmer fehlt ebenfalls. Jeder verfügbare Raum muß für den Unterricht gebraucht werden.
4.) Die Durchschnitts-Schülerzahl beweist, dass schon jetzt die Klassen recht voll sind. Die Grundschulklassen weisen teilweise Zahlen über 60 auf.
Diese Verhältnisse werden noch schlimmer durch III. die weitere Siedlungstätigkeit im genannten Siedlungsgebiet für 1935/36. Für 1935/36 werden folgende Siedlungen fertig, bezw. neu begonnen: 1.) Osdorf-Schenefelder Landstraße: 70 Wohnungen. Siedlung der Frontkämpfer: 120-150 Schulkinder. 2.) Sievekingplatz-Osdorfer Landstraße: vorerst 60 Wohnungen mit 120 Schulkindern."

Dieses Dokument zeigt eindrücklich, dass die Siedlungen auch nach 1933 in Lurup sukzessive zunahmen. Dabei änderte sich die soziale Struktur der Siedler, waren es vordem Arbeitslose, die gefördert wurden, waren es nun "Frontkämpfer" und "arische Familien". Veränderungen wie diese veränderten den Alltag auch in der Schule in der Luruper Hauptstraße. Das politische Klima bestimmte den Umgang der Schulkinder untereinander. Viele gingen begeistert in das Hitler-Jugend -Heim im Lüttkamp oder zum Handarbeiten beim Bund Deutscher Mädel. Andere wiederum waren eingeschüchtert und verängstigt. Ursel Riemenschneider wurde von ihrem Vater eingebläut, den Lehrern ja nichts davon zu erzählen, dass er »Feindsender« hörte. Von 1933 bis 1945 wurden die Unterrichtsräume nicht nur für den Unterricht, auch für Veranstaltungen von Hitler Jugend, der NSV und dem NSL benutzt. In den Kriegsjahren wurde auf dem Sportplatz ein Bunker errichtet. Zum Lehrplan gehörten Berichte von der Front und den angeblich ruhmreichen deutschen Soldaten. Und an besonderen Tischen in der Hauptschule Luruper Hauptstraße saßen bis 1940 einige Kinder jener Familien, die als »Zigeunerkinder« ab 1940 nach Polen in den Tod geschickt wurden. Möglicherweise mussten sie als erste in die 1937 gegründeten »Hilfsschulklassen« überwechseln. Über sie heißt es in einem Artikel des Hamburger Fremdenblattes vom Dezember 1938:
"In der Schule stellen die Zigeunerkinder nur eine Belastung für den Lehrer und für die übrigen Kinder dar, und auch die Fürsorgeerziehungsmaßnahmen einer Anstalt werden durch sie nur gehemmt. Vor allen Dingen besteht die Gefahr, dass so ein minderwertiges Zigeunerkind die anderen Zöglinge verfestigt. Wenn ein Zigeunerkind nicht einmal im entferntesten der Normalschule genügt, so hat auch eine Sondererziehung bei ihm keinen Wert. Man sieht daraus, wie wichtig das Ziel ist, diese minderwertigen und gemeinschaftsschädlichen Elemente aus der deutschen Volksgemeinschaft restlos auszuscheiden."
Nachdem in vielen anderen Großstädten Erlasse über die Ausschulung der Sinti- und Roma-Kinder in Kraft getreten waren, wurde auch von der Hamburger Schulbehörde daraufhin gewirkt, diese Kinder auszusondern. Am 13. Mai 1942 wurden die wenigen noch verbliebenen Hamburger Sinti-Eltern dazu gezwungen, die Ausschulung ihrer Kinder zu beantragen.

In der Nazizeit gab es jeden Morgen vor dem Unterricht einen Fahnenappell, Antreten zur Fahnenreihe. Die Jungen mussten, anders als die Mädchen, wie beim Militär antreten. Dann wurde das Deutschland gesungen, Deutschland Deutschland über alles in der Welt, damit wurde der Eroberungskrieg auch in den Kinderherzen geführt.

Erschüttert hat mich vor kurzem ein Dokument aus dem Jahr 1993, eine Festschrift über die 100 Jahr Feiern der Schule Luruper Hauptstraße.
Ein Lehrer Depenau zitiert 1993 aus der Chronik zur Schulgeschichte. Der Chronist, wahrscheinlich der Rektor Mohr, widmet sich Ereingissen, die im Sinne der Nationalsozialisten Propaganda als wichtig erachtet wurden, und beschreibt die Freuden über die Nationalsozialistischen Erfolge ausführlich, z.B.:
"Am 29. März 1936 gibt das deutsche Volk mit 98% ja Stimmen den Beweis, dass die Werke und Taten des Führers Werke und Taten des gesamten deutschen Volkes sind."
Über das Jahr 1939 heißt es: "Am 14.02. weilt der Führer in Hamburg und der 35000 t Kreuzer Bismarck läuft vom Stapel. In den Osterferien ein großes weltgeschichtliches Ereignis: Die Bildung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren … Zugleich übernahm unser Führer auf Bitten des slowakischen Ministerpräsidenten den Schutz des slowakischen Staates ein weiteres großes Ereignis kann der Schulleiter bei der Flaggenparade nennen: Die Wiedervereinigung des Memellandes .. was hat der Führer wieder für Deutschland geleistet. Gott schütze den Führer und sein Reich."

Die Chronik wurde 1939 bis 1945 nicht weitergeführt, möglicherweise ist dieser Teil der Chronik auch nach dem Krieg vernichtet worden, um Entnazifizierungsanträge nicht zu gefährden. Der Rektor Mohr war von den Alliierten aufgrund seiner Verstrickungen in das Naziregime abgesetzt worden. Am 4.7.1946 wurde Rektor Külper als Schulleiter neu eingesetzt.
Ich befürchte, dass es auch an dieser Schule nach 1945 aufgrund der Notsituation keine wirkliche Neubesetzung des Lehrkörpers geben konnte. Der durch die Entnazifizierung abgesetzte Rektor Mohr blieb weiterhin im Schuldienst der Schule. Über Hamburger Schulen in der NS Zeit siehe auch
http://hup.sub.uni-hamburg.de/products-page/publikationen/84/ (Hamburger University Press: Schmidt, Uwe; Hering, Rainer, Hamburger Schulen im Dritten Reich, Hamburg 2010, Hybrid - Publikation, Volltext online frei verfügbar)

 

 

 

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