In der Lederstraße bzw. am Lederweg in
der Nähe des heutigen Fußballstadions befand sich nach 1940 eines
der größten Lager für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen
des Hamburger Raumes.
Ein Lager im Lederweg bestand wahrscheinlich schon vor 1939 und war zeitweilig
vor allem von der Behörde für Arbeit als allgemeines Sammellager für
Zigeuner zur Bewältigung der "Zigeunerplage" vorgeschlagen worden,
weil durch die Kiesgruben nahe dem Volkspark der Einsatz der Zigeuner als Zwangsarbeiter
volkswirtschaftlich besonders effektiv sei. In NS - Akten die im Staatsarchiv
einsehbar sind heißt es über das Arbeitslager für Sinti und
Roma:
"Obersenator Schumann ... hält eine Ecke Eidelstedt/Lurup für
zweckmäßig für die Unterbringung, weil auch hier genügend
Arbeitsmöglichkeiten vorhanden seien"
In einem Vermerk vom Obersenator Börinkmann vom 24. April 1939 heißt
es:
"Für den Fall der Zusammenfassung möchte ich nun ein Gelände
in Eidelstedt, gelegen am Lederweg, in Vorschlag bringen. Dieses Gelände
ist für die Errichtung eines Lagers groß genug und hat vor allen
Dingen den Vorzug, das in unmittelbarer Nähe ein Hartsteinwerk ist, das
ferner sich dort geeignete Kiesgruben und mehrere Futter- und Düngemittelfabriken
befinden, in denen die Zigeuner eingesetzt werden können. Darüber
hinaus besteht eine gute Verbindung von hier aus in das Gebiet der Baumschule.
Privathäuser befinden sich in dieser Gegend kaum. Vom Standpunkt des Arbeitseinsatzes
aus ist also diese Gegend günstig, auch ist hier nicht mit Widersprüchen
von Anliegern gegen die Zusammenfassung auf diesem Gelände, abgesehen vielleicht
von einigen wenigen Schrebergärtnern, zu rechnen. Zu bemerken ist noch,
dass nach meiner Information das Gelände Eigentum der Gemeinde ist. Zu
überlegen wäre noch eine Mittellösung, die darin besteht, dass
man zunächst die Zigeuner mit Wohnwagen hier zusammenfaßt."
"Der von der Sozialverwaltung in Eidelstedt vorläufig in Aussicht
genommene Platz für eine evtl lagermässige Zusammenfassung wurde von
Oberregierungsrat Bierkamp im übrigen auch für geeignet gehalten.
Die Wahl dieses Platzes wurde besonders begrüsst, weil auch dort gute Arbeitseinsatzmöglichkeiten
für die Zigeuner mit ihren Angehörigen wohl vorhanden seien."
Der Lederweg, heute Lederstraße, befand
sich in der Nähe der Damaschkestraße (heute Farnhornweg) und den
Siedlungen Morgenröthe und Elbkamp. Tatsächlich berichteten von mir
interviewte Zeitzeuginnen, dass sich in dieses Gebiet ab 1939 sehr viele Sinti
und Roma mit Wohnwagen begeben hatten. Als Sammellager für die gesamten
in Hamburg wohnenden Sinti und Roma wurde diese Fläche mit Hinweis auf
städtebauliche Erwägungen jedoch nicht weiter ausgebaut. Auf einer
Besprechung am 3. Juli 1939 kam es zum Beschluß, eine Fläche in Öjendorf
dafür auszuwählen.
Außerdem hatte die Ortsgruppe des Kreis Hamburg 7 (Eidelstedt) der N.S.D.A.P
Protest gegen das Lager angemeldet. Dennoch wurde an dieser Stelle ein Lager
errichtet, Dokumente und Zeugenaussagen belegen ein Lager für ZwangsarbeiterInnen
und Militärinternierte in der Lederstraße. Einem Dokument der damaligen
Behörden gemäß war es auch eine Art Umschlagplatz, von dem aus
Kriegsgefangene in weitere Lager verteilt wurden, diese Zahlen verdeutlichen
auch die Größe des Lagers:
"40 Mann beim Bahnhof Eidelstedt im Kriegsgefangenenlager an der Lederstraße.
Keine Bedenken. Das Kriegsgefangenenlager Eidelstedt wird Auffanglager für
die gesamten 840 Kriegsgefangene; von dort Verteilung auf die übrige Bahnhöfe
wie angegeben"
Im folgenden werde ich einige Informationen zusammenfassen bzw. zitieren, die Friedericke Littmann in ihrer Dissertationsschrift Ausländische Zwangsarbeiter in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939 bis 1945' im Verlag Dölling und Galitz 2006 veröffentlicht hat.
1942 wurden russische Frauen für den Bau
eines Lagers zwischen der Lederstraße und der Bahrenfelder Straße
eingesetzt.
"Um Benzin zu sparen, waren zur Bahnanlage besondere Anschlussgleise mit
Laderampen gebaut worden, und die Frauen mussten die mit Baumaterial schwer
beladenen Loren aus eigener Kraft schieben." (Littmann, a.a.O., S. 239)
Oktober 1942 wurde die Belegung dieses Lagers mit 108 Russen angegeben, insgesamt
seien Platz für 600 Zwangsarbeiter (S. 240).
"Das ca. 5 Hektar große Gelände grenzte im Norden an die Eidelstedter
Fischmehlfabrik und an die daneben liegende neue Kläranlage, im Osten an
die Lederstraße an und im Süden reichte es bis zu einer Gartenkolonie.
Die Westgrenze war der Hogenfeldweg." S. 555
Die Eidelstedter Hartsteinwerke, die Fischfabrik Frisch & Co und der Kohlenhändler
Hilleroth waren als Arbeitgeber genannt für ein Lager in der Lederstraße,
der Unternehmer Wilhelm Fette für ein Lager in der Bahrenfelder Straße.
(S. 318) Ich gehe davon aus, dass noch mehr ortsansässige Unternehmen davon
zu profitieren versuchten. 1943 wurde die Zahl der für 48 in Stellingen,
Langenfelde und Eidesltedt ansässige Betriebe wie Erich Wasmuth, Eidelstedter
Extraktions- und Fischmehlwerke Lübecke und Co. verfügbaren Zwangsarbeiter
mit 366 Männern und 111 Frauen angegeben. (S. 411) In dieser Zeit kam es
zu Hinrichtungen von russischen Militärinternierten in den Wingsbergen.
(Friedericke Littmann, S. 554)
"Der Ablauf der Ermittlungen und das vollkommen willkürliche Vorgehen
der Mitarbeiter des »Ausländerreferates«, die zu dieser Zeit
einzig darauf bedacht waren, abschreckende »Exempel zu statuieren«,
soll im Folgenden an den Exekutionen von mindestens 24 Polen und Ostarbeitern
in den Eidelstedter »Windsbergen« dargestellt werden.
Adolf D., Architekt und Technischer Leiter der DAF-eigenen »Bauhilfe«,
erhielt im November 1942 von der Reichsleitung der DAF den Auftrag, im Gau Hamburg
zweigeschossige Behelfshäuser für Bombengeschädigte zu bauen.
Ley und Sauckel teilten ihm dazu etwa 800 Ostarbeiter zu, zum größten
Teil Jugendliche zwischen 18 und 23 Jahren, die im Lager Lederstraße in
Eidelstedt untergebracht wurden. Im Frühjahr 1943 wurde der als zu gutmütig
geltende Lagerführer durch einen neuen ersetzt, der die Ostarbeiter mit
äußerster Härte behandelte. So wurden drei nach den Angriffen
im Juli Geflohene, zwei Männer und eine Frau, zur Strafe und Abschreckung
in der prallen Sonne mitten im Lager an einen Pfahl gebunden. Die Gestapo kontrollierte
das Lager regelmäßig, auch sonnabends oder sonntags. Sie hatte im
Lager eigene V-Leute eingesetzt. Manchmal geschah es, dass die Gestapo Ostarbeiter
aus dem Lager holte, ohne dem sie beschäftigenden Betrieb darüber
irgendwelche Mitteilungen zu machen. Kommissar Schweim hatte die Lagerangestellten
mehrfach angewiesen, die Ostarbeiter anzutreiben und sich nicht mit ihnen einzulassen.
Während der Bombenangriffe 1943 wurde das Lager Lederstraße durch
Luftminen vollkommen zerstört und in kürzester Zeit von den Ostarbeitern
wieder aufgebaut. Anfang August 1943 wurden sechs oder acht Ostarbeiter aus
dem Lager geholt und mit Ostarbeitern aus anderen Lagern in der Kiesgrube in
den Windsbergen erschossen. Insgesamt sollen es nach der Erinnerung des Lagerleiters
Lederstraße, Meyer, 24 Personen gewesen sein. Nach Angaben des im Lager
für die Aufstellung der Arbeitskommandos, Essensausgabe und Bekleidung
Zuständigen waren drei Ausländer des Lagers bei einem Schlachter in
der Randstraße mit Aufräumungsarbeiten nach einem Bombenschaden beschäftigt
gewesen. Der Hausbesitzer kam anschließend ins Lager und meldete den Verlust
von zwei Oberhemden. Meyer verständigte sofort die Gestapo und beschuldigte
die betreffenden Männer der Plünderei. Am folgenden Tag erschienen
Schweim und weitere Gestapobeamte, ließen zum Appell antreten, durchsuchten
das Lager und fanden dabei noch einige andere Kleidungsstücke sowie Fischkonserven.
Schweim ließ die etwa 150 Frauen und Männer, bei denen Dinge gefunden
worden waren, auf dem Appellplatz antreten und wollte sie alle abführen
lassen. Als ihm gesagt wurde, die Kleidungsstücke seien an die Ausländer
ausgegeben worden, sortierte er sechs Frauen und 24 Männer aus und ließ
sie auf einem Lastwagen abtransportieren. Einige Tage später mussten mehrere
Frauen des Lagers in den Windsbergen, einem brachliegenden Gelände, das
vom Lager Lederstraße fußläufig zu erreichen war, ein großes
Loch graben. Schweim hatte das Gelände zuvor in Begleitung des Lohnbuchhalters
der »Bauhilfe« inspiziert und den Platz markiert, an dem eine Grube
von 10 Metern Länge und 2 Metern Breite etwa 2 Meter tief ausgehoben werden
sollte. Am Tag der Exekution hatten alle Männer des Lagers an den Erschießungen
teilzunehmen, bevor sie, wie gewohnt, von Lastwagen abgeholt und zu ihren Arbeitsplätzen
gebracht wurden.
Die Lagerführer mehrerer Lager, aus denen Menschen hingerichtet wurden,
sowie Kommissar Schweim und weitere Gestapobeamte waren anwesend. Nach dem Krieg
berichtete ein Angestellter der Gesamthafenbetriebsgesellschaft, dass auch drei
russische und drei lettische Zwangsarbeiter dieses Unternehmens zu den Opfern
gezählt hatten. Schweim selbst führte die ausländischen Zwangsarbeiter
dieser Lager, die der Exekution beiwohnen mussten, zum Hinrichtungsgelände.
Nach Aussagen eines Lastwagenfahrers der MAN Motorenwerke Hamburg, einem Rüstungsunternehmen,
das vor den Angriffen 1.080 Ukrainer und Russen als beschäftigt gemeldet
hatte musste er ungefähr 150 russische Männer, die vom Leiter des
Werkschutzes ausgewählt worden waren, von Wilhelmsburg zum Hinrichtungsort
in Eidelstedt fahren. Diesen Zwangsarbeitern wurde nichts zur Last gelegt, sie
sollten der Hinrichtung aus Gründen reiner Abschreckung beiwohnen. Dort
hatten sie sich in einem Karree aufzustellen und einem Dolmetscher zuzuhören,
der den Sachverhalt in russischer Sprache darstellte. Den Männern wurden
außer Plünderei unter Ausnutzung der Kriegsverhältnisse Sabotagehandlungen
und der Aufbau einer Sabotage-Organisation in Hamburg vorgeworfen. Nach der
Ansprache des Dolmetschers wurden je drei aneinander gefesselte Ostarbeiter
an den Rand der Grube geführt und von einem Kommando aus neun flämischen
Waffen-SS-Leuten aus der Waffen-SS-Kaserne in Langenhorn erschossen. Einige
Zeit später fanden weitere Erschießungen statt Der Fahrer der MAN
erinnerte sich, wieder etwa 150 Zwangsarbeiter mit seinem Lastwagen zur gleichen
Stelle gefahren zu haben. Er habe gehört, dass dieses Mal ausländische
Arbeiter der Wilhelmsburger Zinnwerke exekutiert wurden, denen man Plünderei
und Sabotage vorwerfe. Ihre Leichen seien aber nicht dort vergraben, sondern
mit einem Lastwagen weggefahren worden. Kommissar Schweim bestätigte diese
Aussage. Das Erschießungskommando sei dieses Mai vom KZ Neuengamme gestellt,
die Leichen in die Anatomie transportiert worden." (Littmann, a.a.O., S.
554-556)
Von den Zwangsarbeiterlagern in dieser Region,
nicht nur denen in der Lederstraße, profitierten ortsansässige Unternehmen,
die heute noch existieren. Die Bauindustrie habe ich bereits erwähnt. Die
Beschäftigung ital. Militärinternierter als Zwangsarbeiter für
die Schmirgel, die Norddeutsche Schleifmittelindustrie Christiansen und Co.
In der Luruper Hauptstraße ist anhand von NS Akten belegbar (Littmann
S. 587). Auch Gemeindeverwaltungen profitierten davon. Auf dem Altonaer Friedhof
wurden jüdische Zwangsarbeiter eingesetzt, deren Baracken sich auf dem
Gelände befanden. (a.a.O. S. 607)
Das Zwangsarbeiterlager in der Lederstraße gehörten zu den größten
Lagern der Stadt Hamburgs in der NS - Zeit ab ca. 1943. Diese Zusammenhänge
sollten durch eine Gedenktafel in den Blick der Öffentlichkeit gerückt
werden.
Auch für die zahlreichen Luruper Sinti und Roma wären Zeichen des
Gedenkens wie Straßenbezeichnungen oder Gedenktafeln eine - wenn auch
nur symbolische Form - der Würdigung. Den NS - Akten sind zahlreiche Namen
zu entnehmen, darunter viele, die in Ausschwitz umkamen. Es gab auch Überlebende,
die ebenfalls in Akten Erwähnung fanden. In der Damschkestraße (heute
Farnhornweg) fanden sich einige dieser Überlebenden zusammen, von den Behörden
scharfäugig registriert:
"Kriminalpolizeileitstelle Hamburg 9. Februar 1945 An die Gemeindeverwaltung
der Hansestadt Hamburg Sozialverwaltung z.Hd. des Herrn Happersberger in (24)
Hamburg 1 Bieberhaus, Zimmer 621 Betrifft: zurückgekehrte Zigeuner aus
dem Generalgouvernement. Bezug: Schreiben vom 30.8.1944 zu obigem Aktenzeichen.
Nachstehend aufgeführte Zigeunermischlinge sind am 3.2.1945 aus dem Generalgouvernement
zurückgekehrt und in Hamburg-Lurup, Damschkestrasse (Wohnwagen) bei E.
R. wohnhaft:" (M.., A. und L. W.. aus Kiel) "Kriminal Inspektor"
(Die Namen dürfen nach Auflagen des Staatsarchivs aus Datenschutzgründen
nicht genannt werden, es hat sich um zwei Männer und zwei Frauen gehandelt)
So konnten einige Sinti und Roma überleben, in der Nähe des Lederweges
gab es in den 50er Jahren in einer Kiesgrube eine eigenständige Gemeinschaft
von Sinti und Romafamilien, denen es geglückt war, dem Vernichtungsnetz
der Nationalsozialisten zu entgehen. Es wäre schön, wenn das Wissen
über ihre Schicksalswege nicht verloren gehen würde.
Angesichts des Wiedererstarkens der Rechtsextremisten auch im Nordwesten Hamburgs sind Gedenktafeln wichtige Zeichen der Verantwortung gegenüber den Opfern des Faschismus, die es entgegen allen bis heute standhaft vertretenen Verleugnungen auch in dieser Region gegeben hat.
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